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Shrila Bhaktivinoda Thakura - Lebenslauf

Shrila Bhaktivinoda Thakura (1838 - 1914), ein Pionier der Vaishnava-Bewegung

Die religiösen Wurzeln der Vaishnava-Philosophie sind in den ältesten religiösen Schriften der Welt zu finden. Das Shrimad Bhagavatam (die wunderschöne Geschichte des Höchsten Persönlichen Gottes und Seines Wirkens) und die Bhagavad-Gita (der Gesang des Herrn) sind für die Vaishnavas bis zum heutigen Tag zweifellos die wichtigsten. Diese Schriften und natürlich auch die Manifestationen Gottes in dieser Welt sind der wichtigste Grund dafür, dass die Vaishnava-Bewegung bis zum heutigen Tage lebendig geblieben ist und über tiefes spirituelles Wissen verfügt.

Doch darf man bei all dem nicht vergessen, dass die Vaishnavas noch nie im Stile einer institutionalisierten westlichen Kirche organisiert waren. Die wichtigen, lebendigen Impulse kommen von den großen Meistern, die, von Gott inspiriert, ihren Schülern immer wieder die Wahrhaftigkeit und Wichtigkeit der Vaishnava-Philosophie übermittelt haben.

Einer dieser großen geistigen Meister, der die Vaishnava-Philosophie zum ersten Mal der Englisch sprechenden Welt zugängig gemacht hat, war der indische Richter Bhaktivinoda Thakura. Sowohl sein Leben wie auch sein literarisches Werk sind äußerst beeindruckend. Er belebte das Vaishnavatum Bengalens, das damals unter der englischen Besatzung und auch unter einer Reihe von Pseudo-Vaishnavas zu leiden hatte.

Kedarnath Datta, der später als Shrila Bhaktivinoda Thakura bekannt wurde, erschien am 2. September 1838 in Ula, einem Dorf im Distrikt Nadia. Er entstammte einer wohlhabenden, bedeutenden aristokratischen Familie. Seine Kindheit verbrachte er bei seinem Großvater mütterlicherseits. Den Umständen der Zeit entsprechend wurde er im westlich-englischen Stil erzogen. Gymnasium und Universität besuchte Kedarnath in Kalkutta an christlichen Einrichtungen. Er war ein typischen intellektueller junger Mann mit englischer Erziehung, der aber eine Vielzahl von Sprachen, wie zum Beispiel Persisch und Urdu, beherrschte.

Im Alter von 14 Jahren begann er bei dem damals weithin bekannten Schriftsteller Kashi Prasad Gosh, der auch die Zeitschrift Hindu Intelligencer herausgab, zu studieren. Die Zeitung genoss hohes literarisches Ansehen und der Herausgeber zog viele Leser an, die von ihm den korrekten Gebrauch der englischen Sprache erlernen wollten. Innerhalb kurzer Zeit verfasste Kedarnath selbst Artikel für den Intelligencer und die Literary Gazette. Bereits in jungen Jahren war er wegen seiner tiefsinnigen Argumente in Diskussionen sehr bekannt, und große Persönlichkeit jener Zeit, wie zum Beispiel Devendranath Tagore, zeigten große Wertschätzung für seine logische Argumentation.

Nach dem Besuch der Universität arbeitete er in Orissa als Lehrer und begründete die englische Spracherziehung in diesem Staat. Kurze Zeit später begann er, Jura zu studieren und wurde bald Regierungsbeamter (1866 - 1894). Einen großen Teil der Zeit, die er im Regierungsdienst zubrachte, war er als Verwaltungsbeamter in Orissa tätig. Zu jener Zeit besuchte er auch die wichtigen Tempel in diesem Staat und veröffentlichte darüber im Jahre 1860 die Schrift: Die Tempel von Orissa.

Die ersten 30 Jahre seines Lebens hatte er sehr wenig Kontakt mit dem religiösen Leben und der Vaishnava-Bewegung. In Orissa aber kam Kedarnath zum ersten Mal mit dem Vaishnavatum in Berührung und lernte dort viele Vaishnavas kennen. Bis dahin hatte er weder das Chaitanya-Charitamrita, das die Botschaft von Chaitanya Mahaprabhu enthält, noch das Bhagavatam, noch die Werke der sechs Goswamis von Vrindavan, die die bedeutendsten Verfasser der Vaishnava-Schriften waren, gelesen.

All das änderte sich, als er 1868 von einem Freund eine Kopie des Chaitanya-Charitamrita sowie eine Übersetzung des Shrimad Bhagavatamin bengalischer Sprache mit Kommentaren von Sridhar Swami geschenkt bekam. Er tauchte tief in diese Werke ein, entdeckte den Reichtum ihrer religiösen Lehren und erfuhr eine tiefgreifende innere Veränderung. Zum ersten Mal hatte er etwas aus der spirituellen Tradition seiner eigenen Kultur entdeckt, das es wert war, bewahrt und der Welt bekannt gemacht zu werden. Nach der ersten Lektüre des Chaitanya-Charitamrita erwachte in ihm die Überzeugung, Shri Chaitanya Mahaprabhu sei die Höchste Persönlichkeit Gottes. Von diesem Moment an änderte sich sein Leben, obwohl er seinen äußeren Verpflichtungen weiter nachkam und auch eine zwölfköpfige Familie zu versorgen hatte.

In der Gemeinschaft der Vaishnavas von Dinajpur begann er, die Lehren von Mahaprabhu zu studieren. Er stellte vergleichende Studien des Vaishnavatums mit der brahmischen Kultur, dem Christentum und dem Islam an und kam zu dem Schluss, dass die höchste Vollendung im Vaishnavatum zu finden war. Jetzt wurde Kedarnath ein begeisterter Vaishnava. Seine tiefe Hingabe an die Aussagen des Shrimad Bhagavatam befähigte ihn, über dieses Thema im Jahre 1869 eine Schrift zu verfassen, die die Aufmerksamkeit Tausender auf sich zog und später als kleines Buch mit dem Titel "The Bhagavatam" veröffentlicht wurde.

Später erhielt Kedarnath einen neuen Posten in Jagannathan Puri. Seine beiden Lieblingswerke - das Shri Chaitanya-Charitamrita und das Shrimad Bhagavatam - begleiten ihn. Er war glücklich, eine Stellung in Puri bekommen zu haben, der Stadt, in der Shri Chaitanya Mahaprabhu, den er liebte und verehrte, so viele Jahre gelebt hatte. Der oberste Regierungsbeamte war sehr zufrieden mit seiner Tätigkeit, und so bat er Kedarnath, im Namen der Regierung die Aufsicht über die Verwaltung des Tempels von Jagannathan zu übernehmen. Seine Bemühungen führten dazu, dass die religiösen Zeremonien wieder in ihrer ursprünglichen Form durchgeführt wurden und das Tempelleben wieder seinen traditionellen Gang nahm.

Während Kedarnath in Jagannathan Puri lebte, wuchs seine Hingabe an Chaitanya Mahaprabhu ständig. Viele Gelehrte, die in Nabadwip und Benares, den beiden großen Zentren der Gelehrsamkeit, Logik und Vedanta studiert hatten, begannen zusammen mit ihm das Bhagavatam zu studieren. Da Kedarnath bereits während seiner Schulzeit in Kalkutta die Grundlagen der Sanskrit-Grammatik und -Literatur erlernt hatte, setzte er nun sein Studium dieser Sprache fort. Viele Vaishnava-Schriften, wie zum Beispiel das Bhagavatam, waren ursprünglich in Sanskrit verfasst worden, und seine Sprachkenntnis gestattete ihm den Zugang zu jenen großen Werken. Nachdem er das Studium des Bhagavatam beendet hatte, ging er zum Studium der Werke von Jiva Goswami und Rupa Goswami (den vertrautesten Schülern von Shri Chaitanya Mahaprabhu) über, welche er aus der Bibliothek des Raja von Puri erhalten hatte. Bald begann er, eigene Bücher in Sanskrit zu schreiben und selbst das Bhagavatam zu lehren. Er blieb fünf Jahre in Puri, und in dieser Zeit waren die dortigen Vaishnava-Führer sehr beeindruckt von seiner Gelehrsamkeit und seiner Hingabe an die Lehren des Shri Chaitanya Mahaprabhus.

Von Puri aus wurde er an verschiedene Orte in Bengalen versetzt, kam im Jahre 1878 nach Narail im Distrikt von Jessore und wurde dort als Vaishnava-Beamter über die Grenzen des Distrikts hinaus bekannt. Hier veröffentlichte er die Shri Krishna Samhita, und dieses Buch fand schon bald in ganz Indien Anerkennung. Sir Reinhold Rest vom India Office in London sagte folgendes über die Werke Kedarnaths: "Indem du Krishnas Eigenschaften und Seine Verehrung in erhabenerem und transzendenterem Licht darstellst, als es bisher üblich war, hast du deinen Glaubensbrüdern einen wichtigen Dienst geleistet."

Während Kedarnath in Narail lebte, wurde er von Shri Bipin Vihari Goswami eingeweiht. Er entschloß sich, das Interesse der gebildeten Menschen auf die Prinzipien des Gaudiya-Vaishnavatums zu lenken. Deshalb begann er, eine monatliche Vaishnava-Zeitschrift in Bengali, Sajjana Toshani (Die Freude der reinen Gottgeweihten) genant, herauszugeben.

Seit jener Zeit predigte Kedarnath umfassend in großen Versammlungen über die Lehren der Sankirtan-Bewegung Shri Chaitanya Mahaprabhus. In Anerkennung seiner großen Gelehrsamkeit und seiner Hingabe wurde ihm von den Vaishnavas der Titel Bhaktivinoda verliehen. Nachdem er drei Jahre in Narail gelebt hatte, machte er eine Pilgerfahrt zu mehreren heiligen Orten Indiens. In Vrindavan traf er Shrila Jagannatha Dasa Babaji, das Oberhaupt der Gaudiya-Vaishnavas, der später sein religiöser Führer wurde und ihn bei seinen missionarischen Tätigkeiten unterstützte. Zu diesem Zeitpunkt beschloss Bhaktivinoda Thakura, sich ganz dem Predigen des Vaishnavatums zu widmen.

Als er vom Höchsten Herrn in einem Traum den Auftrag bekam, seinen Dienst dem Shri Nabadwip Dhama, dem Erscheinungsort von Shri Chaitanya Mahaprabhu, darzubringen, bat Bhaktivinoda Thakura um eine Versetzung nach Krishnanagar, das nicht weit entfernt von Nabadwip liegt. Sie wurde ihm im Dezember 1887 gewährt.

Shrila Bhaktivinoda Thakura war darüber sehr glücklich und ging dorthin mit der Hoffnung, den genauen Erscheinungsort seines geliebten Herrn, Shri Chaitanya Mahaprabhu, zu entdecken. Während er in Puri gelebt hatte, hatte er Bücher erworben, die ihm bei seinen archäologischen Nachforschungen helfen sollten. Es heißt, dass er eines Nachts, während er auf dem Dach seiner Wohnung in Nabadwip in tiefe Meditation über den Erscheinungsort Shri Chaitanya Mahaprabhu versunken war, in einer Vision ein leuchtendes Gebäude im Nordosten sah. Am nächsten Morgen ging er zu dem Ort, der ihm erschienen war. Bei seinen Nachforschungen erfuhr er, dass dieser Ort von einigen Ortsansässigen als der wahre Erscheinungsort Shri Chaitanya Mahaprabhus verehrt wurde. Sie wiesen auf einen ausgedehnten Erdwall, der mit Tulasipflanzen bewachsen war, und sagten ihm, dass dies der wirkliche Platz des Hauses sei, in dem Shri Chaitanya Mahaprabhu erschienen war. Shrila Bhaktivinoda Thakura war glücklich, endlich am Ziel seine Suche angelangt zu sein.

Im gleichen Jahr schrieb und veröffentlichte er sein berühmtes Navadvipa Dhama Mahatmya eine Verherrlichung aller Orte, die zu Nabadwip gehören. Zugleich sorgte er sich um richtige Erhaltung der Tempel und die Verehrung der Bildgestalten Gottes in ihnen. Dafür war er sogar willens, selbst von Tür zu Tür zu gehen und Beiträge für die Unterstützung dieser Sache zu erbitten, denn je mehr die Namen von Shri Chaitanya und Shri Krishna gepredigt wurden, desto glücklicher war Bhaktivinoda Thakura.

Vor Shrila Bhaktivinoda Thakura waren die Grundlagen des Vaishnavatums außerhalb Indiens unbekannt. Im Jahre 1896, zu einer Zeit, in der Emerson und Thore nach vedischer Weisheit suchten, schickte er eine Kopie des Shri Gauranga Lila Smarana Mangala Stotram in den Westen, wo es seinen Weg in die Bibliothek der McGill Universität in Kanada fand. Über diese Schrift hieß es im Journal der Royal Asiatic Society of London (bei der Bhaktivinoda Mitglied war): "Der bekannte Vaishnava Shri Kedarnath Bhaktivinoda, M.R.A.S., hat ein Gedicht ins Sanskrit über das Leben und die Lehren Shri Chaitanyas mit dem Titel Shri Gauranga Lila Smarana Mangala Stotram veröffentlicht. Es ist von einem Kommentar in Sanskrit begleitet, der das Thema eingehender erklärt. Als Einführung dienen 63 Seiten in Englisch (Sri Chaitanya Mahaprabhu, Sein Leben und Seine Werke), in der die Lehren von Shri Chaitanya im einzelnen ausgeführt werden. Seine Aussagen speziell in Bezug auf Shankara und die Advaita-Vedantisten werden sehr ausführlich erläutert. Das kleine Werk wird unser Wissen über diesen bemerkenswerten Reformator vergrößern, und wir drücken Bhaktivinoda unseren Dank dafür aus, dass er es uns in Englisch und Sanskrit gegeben hat, und nicht in Bengali, in dem es notwendigerweise den europäischen Studenten des religiösen Lebens in Indien verschlossen geblieben wäre."

Niemals ermüdete die Feder Bhaktivinoda Thakuras, und so schuf er viele andere philosophische Vaishnava-Werke. Er pflegte immer spät abends zu schreiben, nachdem er seine Regierungsangelegenheiten erledigt hatte, und blieb dann bis ein oder zwei Uhr morgens auf. Die meisten seiner Werke erschienen im Sajjana Toshani Magazin. Gleichzeitig war er damit beschäftigt, den Heiligen Nahmen in vielen Bezirken Bengalens zu predigen. Seine persönliche Erscheinung übte dabei auf die Menschen in den Dörfern eine wunderbare Wirkung aus.

Shrila Bhaktivinoda Thakura verkündetete, dass in kurzer Zeit ein Mann kommen und die Botschaft Shri Chaitanyas auf der ganzen Welt verbreiten würde. Es war dann sein eigener Sohn, der unter dem Namen Bhaktisiddhanta Saraswati die Arbeit seines Vaters fortsetzte. Bhaktisiddhanta Saraswati Thakura war der geistige Meister von Swami B.R. Sridhar, von A.C. Bhaktivedanta Swami Prabhupada, der das Krishna-Bewusstsein zwischen 1965 und 1977 auf der ganzen Welt bekannt machte und auch der Meister des deutschen Professors Schulze, der als Sadhananda Dasa den österreichischen Schriftsteller Walther Eidlitz für das Vaishnava-Leben begeisterte. So ist der Name Bhaktivinoda Thakuras eng mit der Verbreitung der Vaishnava-Lehre verbunden.

Während seines Lebens schrieb und veröffentlichte Bhaktivinoda Thakura über 100 Bücher in Sanskrit, Bengali, Hindi, Urdu, Persisch und Englisch. Dazu kamen einige Monatszeitschriften und später sogar eine spirituelle Tageszeitung. Zu diesem Zweck schaffte er auch eine Druckerpresse an, die er die große Trommel nannte, da sie auf der ganzen Welt gehört werden könne, im Gegensatz zur kleinen Trommel (Mridanga), die die Vaishnavas bei ihren Straßengesängen von altersher benutzen. Er gründete zahlreiche spirituelle Zentren und ließ am Geburtsplatz von Shri Chaitanya Mahaprabhu einen wunderschönen Tempel erbauen. Sein Sohn Bhaktisiddhanta Saraswati Thakura dehnte diese Bemühungen später auf ganz Indien aus und schickte seine Schüler auch nach Europa.

Um den westlichen Menschen die Größe und Wichtigkeit der Botschaft Shri Chaitanya Mahaprabhus zu vermitteln, wurde ein Schüler Bhaktisiddhantas - Professor Nishikanta Sanyal - beauftragt, ein wissenschaftliches Werk darüber zu verfassen. Doch der Versuch, im politisch zerstrittenen Europa der Vaishnava-Philsophie Gehör zu verschaffen, fand wenig Resonanz, und es war erst Bhaktivedanta Swami Prabhupada, der in den 60er Jahren durch seine Bemühungen ein erstaunliches Interesse erweckte.

Zu Beginn unseres Jahrhunderts beschloss Bhaktivinoda Thakura, in Puri, zu leben. Viele aufrichtige Seelen suchten seine Segnungen und Unterweisungen, obwohl er ein sehr zurückgezogenes und entsagtes Leben führte. Im Jahr 1910 zog er sich dann ganz von der Welt zurück und blieb im vollkommenen Zustand des Samadhi, der vollendeten Versenkung in die ewigen Spiele des Herrn. Im Jahr 1914 ging er zum glückseligen Reich von Goloka.

Zuletzt noch ein Vers aus der Feder Bhaktivinoda Thakuras, der auf dem Grab von Haridasa Thakura - einem anderen großen Vaishnava des sechzehnten Jahrhunderts - steht. Er verfasst ihn im Jahre 1871, um zu veranschaulichen, welchen Einfluss ein Vaishnava in dieser Welt sogar noch nach seinem Tod hat:

"Derjenige irrt, der sagt, die Vaishnavas sterben, wo du doch immer noch im Klang lebst! Die Vaishnavas sterben, um zu leben, und lebend versuchen sie, den Heiligen Namen überall zu verbreiten!"

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